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projekte2017:mach_mir_den_hoecke

Projekttitel: "Mach' mir den Höcke!"




Worum geht es?

Das Spiel hilft ungeübten Laien bei der Einübung populistischer Praktiken. Wir gehen davon aus, dass populistische Strategien im gesamten politischen Spektrum genutzt werden.
In unserem Spiel wählen sich die Spieler (mindestens drei, gerne mehr) ihre Rollen selbst: Als Politiker, integre und „besorgte“ Bürger, Polizisten, Journalisten, Verwaltungsbeamte, Kirchenvertreter, Sozialverbände, „Gutmenschen“, Verschwörungstheoretiker, Bürgerinitiativen, NGOs, weltanschauliche Meinungsführer, Pädagogen etc. mit jeweils unterschiedlichen politischen Einstellungen. Alternativ ist denkbar, dass das Spiel diese Rollen vorgibt und die Spieler sie sich auswählen.


Spielmechanik:
Das Spiel selbst spielt sich in der Abfolge von Statements, die mehr oder minder populistisches „Potential“ haben. Der thematische Aufhänger findet sich entweder bei der Lektüre aktueller journalistischer Medien (z.B. ein lokaler Polizeibericht) oder er wird konfiguriert aus drei Sätzen von „Ereigniskarten“, deren Zusammenstellung (in jeweils drei Karten) eine Fülle von szenischen Varianten zur Verfügung hält.
Es geht um das populistische Potential der von den Spielern der Reihe nach formulierten Statements (im Kontext des gewählten Settings). Eine ständig wechselnde Jury, gebildet aus jenen Teilnehmern, die gerade nur das Publikum eines eben gefassten Statements sind, bewertet die jeweiligen Statements nach Maßgabe einer Matrix, die im Folgenden noch dargestellt wird. In diese Matrix werden Werte eingetragen, die eine Skala von starken, mittleren und schwachen Positionen bewerten: z.B. 1,2,3 Punkte. Jeder Spieler gibt seine eigene Bewertung ab, und zwar verdeckt und auf diese Weise anonymisiert.
Der „Wert“ eines Statements bildet sich aus der Addition der Punkte, die von allen Spielern in ihre Matrix eingetragen wurden.
Die Spieldauer beträgt eine vorher vereinbarte Anzahl von Runden.

Die Matrix ordnet sich nach fünf Kriterien:

- Ein Ausgrenzungspotential verweist auf die Personengruppen, die im Fadenkreuz des Populisten stehen. Je deutlicher dieses Ausgrenzungspotential ist, desto besser benennt es die „Opfer“.
- Die Opfer werden gewichtet nach ihrer „Opfertauglichkeit“, d.h. nach ihrem Sündenbockpotential.
- Der „Fake News Faktor“ belohnt Behauptungen, die mehr oder minder schwer falsifizierbar sind und der Diskriminierung der „Opfer“ dienen.
- Wesentlich ist auch das Skandalpotential bzw. der Aufmerksamkeitswert eines Statements.
- Der Pöbelfaktor (der Derbheitsgrad der verwendeten Beleidigungen) verdoppelt die zuvor eingetragenen Werte! Wenigstens drei dieser fünf Kategorien müssen gewichtet werden.
Die gewünschte Knappheit der Sprache wird definiert durch die Begrenzung der Statements auf maximal 35 Worte.

Randnotiz:
Das Problem, dass einzelne Spieler eventuell ihre Siegeschancen durch die notorisch schlechte Bewertung Anderer verbessern wollen, wird erkannt: Gegebenenfalls wären solche Spielverderber zu identifizieren (und zu disqualifizieren), indem die Option offengehalten wird, keine Bewertung abzugeben - dies allerdings nicht anonymisiert, sondern offen. In der folgenden Runde könnten dann die Mitspieler des „Verweigerers“ nach dessen Präsentation seines Statements beschließen ihm selbst in dieser Runde eine Bewertung zu verweigern.

(„Aufhänger“ hier der Bericht zu Schorndorf): „Chronik eines Shitstorms“

SCHORNDORF taz | 21.07.2017, Benno Stieber

Es ist Sonntag, der dritte Tag des Schorndorfer Volksfestes „SchoWo“, als das zuständige Polizeipräsidium Aalen um 16.24 Uhr meldet: Im Schlosspark von Schorndorf hätten sich in der Nacht zum Samstag zwischen 20 Uhr und 3 Uhr bis zu 1.000 Jugendliche versammelt, „die meisten wohl mit Migra¬tions¬hintergrund“. Es sei zu Flaschenwürfen gekommen. Ein Tatverdächtiger habe sich der Festnahme widersetzt, zahlreiche Personen hätten sich solidarisiert und Festnahmen verhindert. Die Polizei habe deshalb ihre Schutzausrüstung anlegen müssen. Danach seien Gruppen von 30 bis 50 Menschen durch die Innenstadt gezogen. Laut Zeugenaussagen seien sie mit Messern bewaffnet gewesen, es sei ein Schuss „vermutlich mit einer Schreckschuss-Waffe“ abgegeben worden. Außerdem berichtet die Polizei an den vergangenen beiden Festtagen von vier Fällen von „sexueller Belästigung“ – ein Iraker und drei Afghanen seien tatverdächtig. Die drei Afghanen hätten eine Frau festgehalten und am Gesäß begrapscht.
Direkt hinter dem Marktplatz trifft sich das Koordinierungsteam des Volksfests in einem alten Fachwerkhaus. An einem Restauranttisch sitzen ehrenamtliche Helfer, die in khakifarbenen Westen und mit Sprechfunk von morgens bis abends über das Stadtfest patrouillieren und für Ordnung sorgen. Einsatzleiter Jürgen Dobler ist ein umtriebiger Mann, eigentlich keiner, dem man so schnell die Laune verderben kann. Er hat lange beim Radio gearbeitet und betreibt eine Kommunikationsagentur in der Stadt, ist Kirchengemeinderat und einer der Gründer der örtlichen Flüchtlingshilfe. Dobler sagt: „Was über die Nacht auf der Schlosswiese berichtet wird, hat so nicht stattgefunden. Für mich ist das Fake News.“

Sie haben hier einen Ruf zu verteidigen. Bisher habe die SchoWo als eines der sichersten Volksfeste der Region gegolten, sagt Dobler. Etwa wegen des Schnapsverbots auf dem gesamten Fest und der engen Zusammenarbeit mit der Polizei. „Die war immer Teil der SchoWo“, sagt er, so wie all die Vereine im Ort, die das Fest seit fast dreißig ¬Jahren organisieren. Geändert habe sich das erst mit dem Ruhestand gleich zweier leitender Beamter bei der örtlichen Polizeidienststelle.
Der neue Einsatzleiter im Revier Schorndorf war zuvor Referent beim baden-württembergischen Innenministerium, er brachte sein eigenes Sicherheitskonzept mit, wollte es den Festorganisatoren überstülpen. So erzählt es der Koordinationskreis. Der Mann hatte sich in Schorndorf als Experte für Großeinsätze vorgestellt. Nach dem Wochenende sind sich die versammelten Vereinsvorsitzenden da nicht mehr so sicher.

Den Jugendtreff auf der Schlosswiese während der Festtage habe es schon immer gegeben, sagt Dobler. „Da können die Jungen rauchen, trinken und aus sicherer Entfernung die Alten verachten“. So war es auch am Samstag wieder. Aber war es eine gute Idee, die Jugendlichen bis 1 Uhr hier Alkohol trinken zu lassen, statt wie sonst gegen 23 Uhr ihre Flaschen einzusammeln? Wie konnte bei der Polizei von „Gewaltexzessen“ die Rede sein, wenn in den Rettungszelten des Roten Kreuzes auf dem Fest keine entsprechend Verletzten angekommen waren?
Und dann die Pressemitteilung. Dobler, der Kommunikationsberater, zeigt auf seinem Handy die mit roten Ausrufe¬zeichen versehene Facebook-Meldung der Polizei Aalen. Darunter versammeln sich schnell fremdenfeindliche Kommentare, auch von Polizeibeamten.
Wenn man über gute Polizeikommunikation redet, wird seit dem Amoklauf von München die Pressearbeit der baye¬rischen Beamten gelobt. Nur berichten, was an gesicherten Informationen vorlag, war damals die Strategie des dafür mit ¬Preisen bedachten Pressesprechers Marcus da Gloria Martins. Schorndorf ist nicht München, aber randalierende Jugendliche am Rande eines Volksfestes sind auch kein Amoklauf. Sicher ist: Die Pressearbeit des Aalener Polizeipräsidiums an diesem Wochenende war nicht preisverdächtig. Es sind vor allem diese vagen Formulierungen, „wohl,“, „Migrationshintergrund“ und die offene Frage, wie viele der tausend Jugendlichen nun wirklich an der Randale beteiligt waren, die für Verwirrung sorgen.

Doch der wohl entscheidende Fehler steckt ausgerechnet in einer Meldung der dpa. Der Landesdienst meldet um 16.53 Uhr: „In der Nacht zum Sonntag versammelten sich laut Polizei 1000 junge Leute im Schlosspark der Stadt und randalierten.“ Daraus entsteht eine digitale stille Post: Aus den tausend Jugendlichen wird ein Flüchtlingsmob, aus Grapschereien und Belästigungen, die am anderen Ende des Festgeländes stattgefunden haben, werden Vergewaltigungen und Bilder von der Kölner Silvesternacht.
„Natürlich ist jeder sexuelle Übergriff auf einem Volksfest einer zu viel, natürlich muss die Polizei das Gewaltmonopol behalten.“ Matthias Klopfer, der Oberbürgermeister, hat diese Sätze in dieser Woche oft wiederholt. Dazu auch den riskanten Satz, dass es sicher noch mehr Vorfälle gegeben habe, die nicht angezeigt wurden. Nur: Auf welchem Volksfest kommt es nicht zu Gewalt und Grapschereien? Und wer glaubt, dass es solche Vorfälle ohne Flüchtlinge nicht geben würde?

Die Äußerungen sind gemacht, lange bevor das Polizeipräsidium Aalen am Mittwochabend Fakten nachliefert: 53 Straftaten gab es während der fünf SchoWo-Tage. Neun Anzeigen wegen sexueller Übergriffe. Gegen zwei Verdächtige mit Flüchtlingsstatus wird deswegen ermittelt, die anderen Täter sind unbekannt. Der Auslöser der Randale am Stadtschloss waren nach dem Polizeibericht „deutsche Jugendliche“, die von einer Gruppe Jugendlicher, „mehrheitlich mit Migrationshintergrund“, unterstützt worden seien. Festnahmen gab es auf der Schlosswiese nicht.
Die bewaffneten Gruppen, die durch das nächtliche Schorndorf gezogen sein sollen, bleiben ein Phantom, die Polizei hat darüber keine weiteren Erkenntnisse. Der Sachschaden, vor allem an Polizeieinsatzwagen, beträgt insgesamt 2.400 Euro. Die dpa entschuldigt sich und zieht ihre Meldung zurück. Am Donnerstag präsentiert OB Klopfer zusammen mit dem Polizeipräsidenten die Faktenlage auf einer Pressekonferenz und stellt sich kritischen Fragen. Dem Livestream der örtlichen Zeitung folgen 31 Leute. Am selben Tag postet AfD-Parteichef Jörg Meuthen seine Landtagsrede zu Schorndorf. Er wettert gegen den „Chaosstaat“ und „marodierende Horden“. Er spricht vom „Krawallwochenende von Schorndorf“. Meuthens Rede wird bei Facebook 99.000-mal geklickt. 2.200 Facebook-Freunden „gefällt das“.

Ausgewählte Twitter-Zitate als exemplarische Statements:

„Nach Schorndorfer Gewaltexplosion Maulkorb für Polizei durch Innenministerium: Kein Gespräch mit der AfD!“
„Das ist ein kleiner Jihad auf Polizei und Bevölkerung“
„Merkels verwirrte Gäste metzeln, meucheln und wollen fickificki“
„Keine Wut, wenig Trauer, nur Resignation: Alles, wofür Gutmenschen stehen, ist Lüge, und an dieser Lüge sterben wir.“
„Weil ich solche Allahu-Akbar-Kreaturen beleidigt habe, wurde ich wegen Volksverhetzung verurteilt. Dreckiger Mörderstaat!“


Statements, von uns kreiert:

Ein Amtsleiter im Ruhestand: „Ist es nicht merkwürdig, dass die Lage gerade jetzt eskaliert, wo der neue Polizeichef im Amt ist???! Der hat doch keine Eier in der Hose… Ist doch klar, dass der Innenminister im Hintergrund die Strippen zieht!“
Der Würstchenverkäufer: „Diese mulmigen Muselmanen gehören nicht hierher! Sie essen nichtmal meine Schweinswürstchen.“
Alte Dame aus dem Frauenverein: „Kein Wunder, dass so etwas passiert, wenn die jungen Dinger heutzutage lieber ihre kurzen Röcke spazierentragen, als sich wie wir damals um den Hauswirtschaftsunterricht zu kümmern. Ich hab’s ja immer kommen sehen!“
Elternteil: „Jetzt wollen sie diese widerwärtigen Schweinereien auch noch unseren eigenen Kinder in die Schuhe schieben! Letztes Jahr waren es doch auch die Asis aus dem Umland, die das Stadtfest aufgemischt haben!“

Remscheid den 30.07.2017

Autoren: Masoud Ghahramani, Christian Marquart, Coco Rath


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